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26.01.2018 Bewohnerbeiträge

Geschichten aus meinem Leben – Andrea erzählt – Teil III

In meinem Leben habe ich viele Reisen mit meinen Eltern und Freunden unternommen. Wir machten Urlaub in Deutschland z.B. im Schwarzwald, Bayrischen Wald und im Allgäu, aber auch Reisen ins Ausland.
Meine erste große Auslandsreise, die ich alleine unternahm, ging nach Israel. Und zwar mit der „Friedenswerkstatt“ aus meiner Gegend, einer Initiative junger Leute, zwischen 18 und 25 Jahren.
Angefangen hat unsere Reise mit der Akklimatisierung am Toten Meer, wo wir die ersten drei Tage verbrachten. Hier hatten wir keine Herberge, sondern übernachteten unter freiem Himmel, nur in unseren Schlafsäcken. Schon das war ein besonderes Erlebnis. In einer Nacht fegte ein Sturm über uns hinweg. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mir meinen Schlafsack bis oben zuzog und mich tief eingrub. Als ich am anderen Morgen erwachte, war der Sturm vorbei. Auch ein Bad im Toten Meer durfte nicht fehlen und durch den hohen Salzgehalt kann man wirklich darin allein liegen.
Die Gruppe machte Wanderungen in die nahe Steinwüste En Gedi und dann besuchten wir Jerusalem, wo uns das pralle Leben wieder hatte. Hier schliefen wir auch in richtigen Betten. Jerusalem habe ich als pulsierende Stadt in Erinnerung, in der die drei Weltreligionen zusammen leben. Es gibt christliche, jüdische und muslimische Viertel. Wir besuchten die Altstadt, die Via Dolorosa, die Klagemauer, die Grabeskirche, den Felsendom auf dem Tempelberg und den Ölberg, von dem der Blick auf die Stadt gigantisch ist.
Außer dass wir die Reise wie einen Urlaub begonnen haben, hatten wir uns zum Ziel gesetzt, Christen, Juden und Moslems zusammen zu bringen und mit ihnen gemeinsame Projekte zu gestalten.
In Haifa gingen wir an eine jüdische Schule. Hier waren wir vier Tage und haben uns gemeinsam mit unseren jüdischen und muslimischen Freunden mit der Schöpfungsgeschichte aus der Bibel beschäftigt, um anschließend verschiedene Szenen daraus auf die Außenwände eines Schulgebäudes zu malen.
Auf unserer Reise waren wir noch in Kaboul, einem arabischen Dorf nahe Haifa. Auch hier sind wir an einer Schule gewesen, in der wir dieses Mal die Innenwände gestrichen haben.
Das faszinierende an den Projekten war, dass die politischen Streitigkeiten bei uns kein Thema waren. Es ist uns gelungen, mit vielen jungen Leuten zu arbeiten und zu feiern. Während wir tagsüber mit unseren Projekten beschäftigt waren, kam das Feiern und Zusammensein mit der ganzen Gruppe am Abend nicht zu kurz.
Gewohnt haben wir während der Zeit in verschiedenen Gastfamilien, was ein ganz besonderes Erlebnis war. Meine arabische Gastfamilie war eine typische Großfamilie. Die Familie war komplett anwesend, als ich mit zwei Begleiterinnen drei Tage bei ihnen wohnen durfte. Und im Laufe des Begrüßungsnachmittags trafen immer mehr Familienangehörige ein, um uns willkommen zu heißen. Wir saßen alle im großen Wohnraum zusammen auf Matten, denn Tische, Stühle, geschweige denn eine Wohnzimmereinrichtung wie wir sie kennen, gab es nicht. Aber in einer Ecke war ein Fernsehtisch mit einem Fernseher. Unsere Gastgeber waren sehr nett, sie hatten fünf fast erwachsene Kinder, vier Mädchen und einen Jungen, der als einziger ein eigenes Zimmer hatte. Verständigt haben wir uns auf Englisch. Übernachtet habe ich mit meinen zwei Begleiterinnen mit den weiblichen Familienmitgliedern im Wohnzimmer.
Meine Pflege wurde von allen Mitgliedern unserer Reisegruppe übernommen. Alle zwei bis drei Tage übernahmen mich andere, was im Vorfeld besprochen und organisiert wurde.

Ich freue mich heute noch darüber, dass ich dieses tolle Land mit diesen netten und liebenswerten Menschen kennen lernen durfte und dass mir die Friedenswerkstatt die Möglichkeit zu dieser Reise gegeben hat. Diese Zeit habe ich heute noch ganz intensiv in Erinnerung.

Hier endet mein Lebensbericht erst einmal. Möge der Gedanke von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft, wie ich sie erlebe und immer erlebt habe, in unserer Gesellschaft Normalität werden.

Eure Andrea

Geschichten aus meinem Leben – Andrea erzählt – Teil I     Wie bin ich hierher in´s Eduard Knoll Wohnzentrum gekommen?

Geschichten aus meinem Leben – Andrea erzählt – Teil II     Als Inklusion noch ein Fremdwort war!

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2 Kommentare

R.L. schrieb am 27.01.2018 - 13:30 Uhr

Liebe Andrea, ich fand deinen Reisebericht informativ, interessant und ausgezeichnet beschrieben. Sehr mutig von dir, mit einer Gruppe, in ein für unsere Verhältnisse, kulturell fremd wirkendes Land, zu reisen. Schon allein die Unterbringung, wie du sie geschildert hast, wäre für mich zum ungeheuerlichen Stressfaktor geworden. Vielleicht macht man so eine abenteuerliche Reise ja auch nur in ganz jungen Jahren. Die Erinnerung an das Erlebte bleibt jedenfalls im Gedächtnis. Vielen Dank, für die Geschichten, die du uns aus deinem Leben erzählt hast. So haben wir, die Leser, dich ein bisschen besser kennengelernt. L.G. Rosi


Andrea Jacob schrieb am 29.01.2018 - 10:18 Uhr

Vielen Dank, liebe Rosi, für Deine netten Zeilen. Ja, Israel war schon eine tolle Erfahrung für sich. Und - ich würde diese Reise heute und jederzeit wieder so machen.


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